Mehr Platz für Bewegung
Ass.-Prof. Mag. Dr. Rosa Diketmüller (links), Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien
ao. Univ.-Prof. Dr. Günter Emberger (Mitte), Vorstand des Instituts für Verkehrswissenschaft der TU Wien
Priv.-Doz. Dr. Tatjana Fischer (rechts), Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung der Universität für Bodenkultur, Wien
Regelmäßige Bewegung ist wichtig für unsere Gesundheit. Dennoch können sich viele nicht zum Radeln oder Wandern motivieren. Wie wir das gemeinsam ändern können, diskutieren hier zwei Expertinnen und ein Experte.
An der Wand hängen Fahrräder. Und die Barhocker sind Fahrradsättel mit Pedalen und Ketten. Schließlich heißt das Wiener Café-Bistro „Cyclist“. Hier treffen einander Mag. Dr. Rosa Diketmüller vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien, Priv.-Doz. Dr. Tatjana Fischer vom Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung der Universität für Bodenkultur Wien sowie ao. Univ.-Prof. Dr. Günter Emberger, Vorstand des Instituts für Verkehrswissenschaft der TU Wien, zur Diskussion.
Hand aufs Herz, wie bewegungsfreundlich war Ihr Weg hierher?
Fischer: Ich kombinierte Öffis und Zufußgehen.
Diketmüller: Ich nahm den Bus.
Emberger: Ich bin normalerweise mit dem Rad unterwegs. Aber aufgrund von Eis und Schnee kam ich ausnahmsweise zu Fuß. Ich benutze zudem in den Öffi-Stationen immer die Treppe. Bis ich mit den Öffis im Büro bin, steige ich 237 Stufen, also schon zehn Stockwerke mit dem ersten Arbeitsweg.
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Bewegung hilft, vielen Krankheiten vorzubeugen
Sport ist die beste Medizin. Regelmäßige Bewegung ist der Schlüssel, um vielen Krankheiten vorzubeugen und damit bis zu fünf zusätzliche gesunde Lebensjahre dazuzugewinnen. Nicht nur als ÖGK-Obmann, sondern auch als Sportunion-Präsident liegt mir das Thema Sport und Bewegung besonders am Herzen. Aktive Verantwortungsübernahme für die eigene Gesundheit durch Bewegung ist eine wichtige Investition und entlastet darüber hinaus das Gesundheitssystem der Zukunft.
Mag. Peter McDonald ist Obmann der ÖGK.
Fördert die Stadtplanung Bewegung?
Emberger: Teilweise. Aber wir müssen das Bauen ändern. In neuen Häusern werden die Stiegen versteckt. Und im Zentrum befindet sich eine Batterie von Liftanlagen. Dabei müsste die Gestaltung dazu motivieren, in angenehmem Ambiente zu Fuß zu gehen. Natürlich braucht es für bewegungseingeschränkte Menschen Aufzüge. Aber alle anderen sollten die Treppe nehmen.
Diketmüller: Ich arbeite seit jeher im vierten Stock. Das Stiegen steigen bringt automatisch eine gewisse Grundfitness. Doch für mehr Alltagsmobilität braucht es in der Stadt durchgängige Bewegungsräume.
Fischer: Gute Raumplanung macht den Unterschied, ob Bewegung ein Bonus für die Gesundheit oder eine Strafe ist.
Ist der Fokus auf Autos – gerade in der Stadt – ein Hemmnis für mehr Bewegung?
Emberger: Wir haben den motorisierten Verkehr zu stark gefördert und ein zu hohes Tempo ermöglicht. Letzteres ist aber für Zufußgehende kontraproduktiv. Wenn wir Geschwindigkeit reduzieren, profitieren sowohl Gesundheit als auch Umwelt.
Fischer: Zufußgehen wird dann attraktiv, wenn Infrastruktur mit zumutbarem Aufwand erreichbar ist. So werden die Umgebung und der öffentliche Raum lebenswert.
Die Stadt funktioniert anders als das Land …
Fischer: Ja, im urbanen Raum gehen viele zu Fuß. Aber wenn ich auf dem Land daheim bin, brauche ich ein Auto für die letzte Meile. Denn die Bushaltestelle ist vom Haus oft weit entfernt.
Emberger: Für die letzten 300 Meter brauchen wir doch keinen Shuttle! Hier gehe ich zu Fuß. Nach einem schweren Autounfall gönne ich mir den Luxus, kein Auto mehr zu besitzen. Eine Befreiung, weil ich via Rad den Sport in den Alltag integrieren kann. In die Arbeit und retour sind es 45 Minuten Bewegung pro Tag, das reicht völlig aus. Radfahren und Zufußgehen haben eine enorme Qualität.
Fischer: Bewegung muss wieder mehr Bedeutung bekommen, auch durch das richtige bauliche Umfeld, das zur Bewegung einlädt und anregt.
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Für mich gehört Bewegung zum Alltag
Da ich durch meinen Beruf viel sitze, genieße ich es zwischen Terminen umso mehr, zu Fuß zu gehen und wenn möglich auf das Auto zu verzichten. So tanke ich frische Luft und komme in Bewegung. Es sind nur Kleinigkeiten in unseren Gewohnheiten, die große Wirkungen erzielen: auf den Lift zu verzichten, die Treppen zu nehmen und den Körper zu aktivieren und zu fordern. Privat unternehme ich gerne Wanderungen, mache Radtouren oder gehe Ski fahren. Meine Empfehlung: Tun Sie das auch! Für Ihre Gesundheit!
Andreas Huss, MBA, ist Obmann der ÖGK.
Wie muss das aussehen?
Emberger: Meine Studierenden vom Land sind fasziniert oder genervt, dass sie in Wien parallel zu den Öffis so viel zu Fuß gehen müssen. Das machen sie auf dem Land nicht, weil dort alles auf das Auto ausgerichtet ist. Dabei funktionierten Ortschaften bis 1950 unmotorisiert. Mit einer Temporeduktion könnten wir in der Stadt wie auf dem Land schmälere Straßen bauen. Schließlich sind die Sinne des Menschen auf 30 km/h ausgelegt. So würden wir Platz für Radwege und Bäume gewinnen. Oder Radelnde fahren gleich im Straßenverkehr mit.
Dennoch nutzen viele das Wetter als Ausrede und nehmen den Bus.
Emberger: Ja. Nach Klagen meiner Studierenden über das angeblich miese Wetter in Wien wertete ich es statistisch aus. Ein durchschnittlicher Radweg dauert hier unter einer halben Stunde. Und bei 91 Prozent aller Wege ist es trocken. Also lügen wir uns an, dass wir unbedingt ein Auto brauchen.
Welche Anreize motivieren zu Bewegung?
Emberger: Weil der Mensch von Natur aus faul ist, brauchen wir neue Konzepte. Eine Idee: Wir könnten Autofahrende an der Ampel anstelle Zu-Fuß-Gehender für das Grünlicht drücken lassen. Oder Gehsteige attraktivieren. Denn für zwei Autos sind die meisten Straßen breit genug, bei einem Fußgänger und einer Frau mit Kinderwagen auf dem Gehsteig wird es aber oft zu eng.
Wie sehen bewegungsfreundliche Arbeitsplätze aus?
Diketmüller: Es braucht in Büros viel mehr Duschen und sichere Rad-Abstellplätze.
Emberger: Oder einen zentralen Drucker. In unserem Institut habe ich zwei Exemplare entfernen lassen. Jetzt haben alle einen 50-Meter-Weg zum Gerät. Natürlich waren nicht alle damit einverstanden, obwohl sie hier ins Gespräch kommen. Auch eine Kaffeeküche sorgt für Aufstehen und Bewegung.
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Bewegung zu jeder Jahreszeit
Wie kann ich mehr Bewegung in meinen Alltag bringen? So simpel es klingt: Einfach tun! Ich versuche es mit Saison-Tricks. Frühling: Endlich wieder mit dem Rad in die Arbeit fahren. Sommer: Schwimmen, bevorzugt im Wörthersee. Herbst: Wanderungen – zum Beispiel auf den Wiener Stadtwanderwegen. Nahezu alle sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Winter: Spaziergänge, Skifahren oder Eislaufen. Und im täglichen Alltag: Mehr Wege zu Fuß zurücklegen, Treppe statt Lift und zu Hause, zu guter Musik, einfach lostanzen.
Mag. Bettina Wucherer ist Vorsitzende der Hauptversammlung der ÖGK.
Zählt alltägliches Gehen als Bewegung?
Diketmüller: Alltagsmobilität wie Spazierengehen oder Wandern sind wichtig für den Stoffwechsel. Um jedoch die Fitness zu verbessern, braucht es eine gewisse Bewegungsintensität.
Blicken wir aufs Land. Wie wichtig sind Sportvereine und Schwimmbäder?
Fischer: Gut erreichbare und qualitativ hochwertige Infrastruktur ist hier für die Lebensqualität von zentraler Bedeutung. Ob jedoch jede kleine Gemeinde ihr eigenes Schwimmbad haben muss, ist kritisch zu hinterfragen. Deshalb müssen Erreichbarkeitsaspekte ins Zentrum der Diskussion gerückt werden.
Diketmüller: Viele Hausbesitzer haben eigene Pools. Schade! So fallen wichtige Treffpunkte für Junge weg.
Braucht es den Ausbau des Schulsports?
Diketmüller: Österreich liegt beim Schulsport im Europavergleich zwar im oberen Bereich. Um gesundheitliche Wirkungen zu erreichen, brauchen Kinder und Jugendliche laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation jedoch täglich 60 Minuten Bewegung in mittlerer bis höherer Intensität. Das erreichen nur fünf bis zehn Prozent der 17- bis 19-Jährigen. So gesehen sind öffentlich gut erreichbare und interessante Bewegungs- und Sporträume für Kinder und Jugendliche besonders wichtig.
Fischer: Doch große Flächen im Freien für Sport und Bewegung werden für städtische Schulen aufgrund der Nachverdichtung zum Luxus.
Emberger: In vielen Wohnhausanlagen gibt es wegen des angeblichen Lärms keine Spielplätze mit Rutschen und Klettergerüsten mehr. Dabei entsteht hier Lust an Bewegung!
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Bewegung leicht gemacht
Regelmäßige Bewegung hält gesund – doch oft fehlt im Alltag die Umsetzung. Dabei kann Bewegung einfach und selbstverständlich werden. Sichere Radwege, breite Gehsteige und attraktive Grünflächen laden ein, Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen. Wenn Bewegung bequem und zugänglich ist, wird sie automatisch Teil des Tages. Schon kleine Schritte zählen: Treppen statt Aufzug, kurze Wege zu Fuß oder gemeinsame Aktivitäten wie Radfahren oder kleine Wanderungen machen Bewegung leicht und angenehm.
KommR. Matthias Krenn ist Vorsitzender der Hauptversammlung der ÖGK.
Warum sind Menschen im Westen Österreichs gesünder und leben um fast zehn Jahre länger als die im Osten?
Diketmüller: In Innsbruck kommen Studierende nicht selten in Sportkleidung und mit Skiern in den Hörsaal, um danach direkt auf den Berg zu gehen. Und wer am Montag im Büro nicht erzählen kann, auf welcher Tour er am Wochenende war, hat schnell mal ein Imageproblem. Im Osten gibt es weniger Gipfel und stattdessen eher weinseligere Gemütlichkeit.
Welche Länder sind Bewegungs-Vorbilder?
Diketmüller: Die Niederlande. Das zeigt sich hier auch in puncto Gesundheit. Und Städte in Dänemark machen durch ihre Gestaltung große Lust aufs Flanieren. Generell sind Menschen im Norden deutlich gesünder als im Süden Europas. Österreich liegt im Mittelfeld.
Emberger: Aber Wien ist vorne dabei. Immerhin werden hier über 33 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt.
TEXT Karin Lehner
FotoS: Stefan Diesner, Martin Biller / ÖGK, GPA