Mehr Wissen, mehr Gesundheit?

 

Ap. Prof. Priv.-Doz. Dr. Dr. Igor Grabovac (links), Facharzt für Public Health in der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien

Dr.in Edith Flaschberger (Mitte), fachliche Leiterin der Koordinationsstelle der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖPGK) bei der Gesundheit Österreich GmbH

Assoc. Univ.-Prof. Dr. Joachim Gerich (rechts), stv. Abteilungsleiter empirische Sozialforschung an der Johannes-Kepler-Universität Linz

 
 

47 Prozent der Menschen in Österreich haben laut einer Studie des Gesundheitsministeriums eine zu geringe Gesundheitskompetenz. Wie lässt sich das ändern? Welche Maßnahmen braucht es für die Stärkung der sogenannten Health Literacy?

Im Café Lia am Wiener WU-Campus diskutieren zum Thema Gesundheitskompetenz Dr.in Edith Flaschberger, fachliche Leiterin der Koordinationsstelle der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖPGK) bei der Gesundheit Österreich GmbH, Assoc. Univ.-Prof. Dr. Joachim Gerich, stv. Abteilungsleiter empirische Sozialforschung an der Johannes-Kepler-Universität Linz, und Ap. Prof. Priv.-Doz. Dr. Dr. Igor Grabovac, Facharzt für Public Health in der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien.

Wie sieht es mit der Gesundheitskompetenz in Österreich aus?

FLASCHBERGER: Wir führen regelmäßig die HLS-Studie (Health Literacy Survey) durch, die die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung misst. Darin zeigt sich, dass vor allem die Fähigkeit, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden, sowie die digitale Kompetenz gering ausgeprägt sind. Wir setzen als Gesellschaft zwar stark auf Digitalisierung, nehmen die Menschen aber nicht ausreichend mit. Auch Menschen in Gesundheitsberufen haben hier oft limitierte Kompetenz.

GRABOVAC: Gesundheitskompetenz hängt zwar vom Wissen und den Fähigkeiten Einzelner ab, doch wir müssen sie größer denken. Weil unser Gesundheitssystem komplex ist, hängt sie auch von Zeit, Ressourcen etc. ab und ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit.

GERICH: Ja, es gibt fundamentale Gründe für gesundheitliche Ungleichheit durch Bildung, Status, Macht, Einfluss und kulturelles Kapital. Bildung ist die beste Förderung der Gesundheitskompetenz.

 

Kommentar

Informieren Sie sich kompetent!

Wir können nie alles über mögliche Erkrankungen wissen. Dafür gibt es Expert*innen im Gesundheitswesen. Egal, ob über 1450, Hausärzt*in oder Gesundheitsdienstleister wie Therapeut*innen, Pflegekräfte oder Apotheker*innen. Von ihnen bekommen Sie Informationen, auf die Sie vertrauen können. Das Internet dagegen ist voll von Goldgräbern, die auf Kosten Kranker Geschäfte machen. Menschen mit gutem Wissen darüber, was gesund hält und was krank macht, leben länger und bei besserer Gesundheit. Informieren Sie sich kompetent!

Andreas Huss, MBA, ist Obmann der ÖGK.

 

Es gibt also Nachholbedarf. Was bedeutet das in puncto Lebenserwartung?

FLASCHBERGER: Wir wissen, dass Lebensqualität mit Gesundheitskompetenz zusammenhängt.

GERICH: Personen mit geringerem sozioökonomischem Status und weniger Bildung leiden unter schlechterer Gesundheit. Oder anders ausgedrückt: Bildung und Medienkompetenz bieten große Gesundheitsvorteile.

Wie können komplexe medizinische Inhalte allgemeinverständlich vermittelt werden?

FLASCHBERGER: Ich weiß aus der Praxis, wie komplex die Erstellung guter Gesundheitsinformation ist. Es braucht die wissenschaftliche Basis, die den Stand der Forschung abbildet. Doch die beste Unterlage nützt nichts, wenn sie für die Zielgruppe nicht passt. So ist eine Broschüre nicht das Mittel der Wahl für Menschen, die auf So-
cial Media unterwegs sind. Doch für ein 30-Sekunden-TikTok-Video müssen wir die Komplexität reduzieren.

GRABOVAC: Wir arbeiten mit vulnerablen Menschen, teils mit intellektueller Beeinträchtigung. Manche verstehen auch einfache Sprache nicht. Also setzen wir auf Grafiken. Aber das Problem trifft alle Bildungsschichten. Eine Kollegin kam eines Tages nach Hause und fand in der Post einen sehr dicken Brief inklusive Einladung zur Mammografie. Selbst gut ausgebildete Menschen stoßen im Alltag an Grenzen, besonders wenn Zeit, Energie oder Aufmerksamkeit fehlen. Wir müssen auf Relevantes reduzieren.

FLASCHBERGER: Viele wünschen sich eine bessere Kommunikation mit Menschen in Gesundheitsberufen. Also hat die ÖPGK ein Programm für Kommunikationstrainings ins Leben gerufen, dass sich Letztere auf diverse Gesprächssituationen einstellen und die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten verbessern können.

GRABOVAC: Die Vermittlung von Gesundheitskompetenz, also Health Literacy, wurde erst in den vergangenen Jahren ein wichtigerer Teil des Medizinstudiums. Das Kernproblem, das wir lösen müssen, ist: Ohne gute Kommunikation glauben manche Patientinnen und Patienten, dass ihre Beschwerden unwichtig sind, und lassen sie deshalb unbehandelt.

 

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Orientierung für Ihre Gesundheit

Für uns in der ÖGK ist es wichtig, Versicherten rasch medizinisch notwendige Versorgung zu ermöglichen. Dazu braucht es eine gute Navigation durch das Gesundheitssystem und eine Stärkung der Gesundheitskompetenz: Wo bekomme ich die richtige Hilfe? Was kann ich selbst tun? Wann ist medizinische Hilfe notwendig? Unsicherheit und Sorgen entstehen aus fehlender Orientierung. Deshalb arbeiten wir daran, den Zugang zu passender Versorgung einfacher und verständlicher zu machen. Davon profitieren die Menschen persönlich und das Gesundheitssystem.

Mag. Peter McDonald ist Obmann der ÖGK.

 

Ist unzureichende Gesundheitskompetenz eine Folge einer verbreiteten Wissenschaftsfeindlichkeit?

GRABOVAC: Die Pandemie hat uns gezeigt, wo die Probleme liegen. Doch sie brachte auch Gutes: So gab es in Wien erstmals Impf-Informationen und Videos in verschiedenen Sprachen. Sowas brauchen wir aber nicht nur bei Katastrophen, sondern ständig.

Wie können Menschen lernen, seriöse Information von weniger seriösen zu unterscheiden?

FLASCHBERGER: Mit Checklisten und Kriterien: Ist die Information vertrauenswürdig oder nicht? Außerdem ist eine Zertifizierung für digitale Gesundheitsanbieter im deutschsprachigen Raum in Entwicklung. Gleichzeitig braucht es gute öffentliche Angebote für Gesundheitsinformationen für alle Zielgruppen.

GERICH: Der Schlüssel liegt in der Medienkompetenz. Ich sehe auch bei meinen Studierenden einen problematischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Oft fehlt der kritische Blick.

FLASCHBERGER: Gesundheitsinformation in sozialen Medien wird laut einer Studie von uns wenig Vertrauen geschenkt. Gleichzeitig ist die Nutzung hoch. Immerhin suchen hier 56 Prozent nach gesundheitsrelevanten Informationen.

 

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Kompetenz, die jeden von uns stärkt

Gesundheitskompetenz stärkt den Einzelnen: Sie hilft, verlässliche Informationen zu finden, zu verstehen und gut einzuschätzen. So können bessere Entscheidungen getroffen, Medikamente sicherer eingenommen und Therapien konsequenter umgesetzt werden. Wer seine Werte und Warnzeichen kennt, nutzt Prävention und Früherkennung besser, vermeidet Komplikationen und Krankenhausaufenthalte. Das tut auch der Seele gut: weniger Angst, mehr Mitsprache und ein Alltag, der sich gesünder und sicherer anfühlt.

Mag. Bettina Wucherer ist Vorsitzende der Hauptversammlung der ÖGK.

 


Sehen Sie ein Kernproblem?

GERICH: Die mangelnde Unterstützung beim Navigieren durch das Gesundheitssystem! Ein Beispiel: Als ich Hautauffälligkeiten hatte, wusste ich, bei Hautärztinnen und -ärzten bekomme ich keinen Termin. In der Ambulanz ebenfalls nicht. Also ging ich mit wenig Erwartung zum Hausarzt. Er meinte: „Unbedingt in der Dermatologie anschauen lassen, aber wahrscheinlich haben Sie Pech mit einem Termin.“ Durch meine Bildung und Hartnäckigkeit bin ich zwar zu meiner Untersuchung gekommen. Aber Menschen mit weniger Ressourcen werden in so einer Situation alleine gelassen und tragen eventuell Schäden davon.
Ein anderes, positives Beispiel: Meine Tochter studierte in Edinburgh Medizin. Seit dem ersten Semester wird hier mit Schauspielerinnen und Schauspielern Gesprächsführung trainiert und geprüft. Sehr fortschrittlich.

GRABOVAC: Die Medizin muss nicht alles können! Sie braucht Unterstützung anderer Professionen, die im Krankenhaus oft vorhanden, aber zu wenig eingebunden sind.

Welche Rolle spielen Primärversorgungszentren (PVZ)?

GERICH: Eine große, denn ein Team biete viele Kontakte, im Gegensatz zur potenziell überlasteten One-(Wo)Man-Show im niedergelassenen Bereich. Auf einer Tagung sprach mich ein junger Mediziner aus einem PVZ an. Er hatte die Möglichkeit der Einstellung einer Sozialarbeiterin genutzt und fragte sich zuerst: „Was tut die eigentlich den ganzen Tag?“ Doch jetzt braucht er eine zweite, weil sie völlig überlastetet ist. Schließlich können Ärztinnen und Ärzte aufgrund ihrer Ressourcen nur begrenzt kommunizieren. Es braucht unterstützende Sozialarbeit mit interkultureller Kompetenz.

GRABOVAC: PVZ könnten Infoabende zu Gesundheitsthemen organisieren, Menschen aus der Wissenschaft oder von Krankenhäusern sowie die Bevölkerung einladen. Wir wären dabei!

 

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Chancengleichheit im Gesundheitssystem

Mangelnde Gesundheitskompetenz ist keine individuelle Schwäche, sondern ein strukturelles Problem. Denn fast die Hälfte der Österreicher*innen hat Schwierigkeiten, Gesundheitsinfos zu verstehen oder sich im System zurechtzufinden. Mehr Information reicht nicht. Sie muss verständlich sein. Dazu verstärken soziale Faktoren bestehende Ungleichheiten. Wir als ÖGK müssen für Klarheit sorgen: mit verständlicher Kommunikation, einfachen Zugängen, gezielter Unterstützung. So schaffen wir Chancengleichheit im Gesundheitswesen!

KommR. Matthias Krenn ist Vorsitzender der Hauptversammlung der ÖGK.

 

Sollte Health Literacy auf dem Schullehrplan stehen?

GERICH: Ja, doch dafür braucht es nicht unbedingt ein neues Fach.

FLASCHBERGER: Kritische Gesundheitskompetenz kann als Querschnittsmaterie in den Schulen einfließen.

GRABOVAC: Gesundheit muss früh gelernt werden. Neben Wissen um Hygiene und Organe braucht es Medienkompetenz. Junge sind an den Themen der Zeit interessiert, etwa an Gesundheitsgerechtigkeit (Health Justice) und Klimawandel, wie ich bei meinen Studierenden sehe. Wenn sie ans Ruder kommen, bestehen gute Chancen für die langfristige Verbesserung der Gesundheitskompetenz in Österreich.


TEXT Karin Lehner

FotoS: Stefan Diesner, Martin Biller / ÖGK, GPA
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