Stark durch Bildung
Hoch hinaus. Die Runde traf sich im „Oben“, dem Café der Hauptbücherei Wien. Hier diskutierten die Soziologin Elisabeth Mayr, MA, AHS-Lehrer Fabian Scheck, BEd (re.), sowie Gesundheitspsychologe Dr. Oliver Scheibenbogen (li.).
In der Klasse lernen Kinder mehr als Mathematik, Englisch & Co. Nämlich Stärke für das Leben, in psychischer wie physischer Hinsicht.
Zum Thema „Stark durch Bildung“ diskutieren: Elisabeth Mayr, Soziologin bei „queraum. kultur- und sozialforschung“ und Ex-Projektleiterin von „I am good enough. Stark durch vielfältige Körperbilder“. Fabian Scheck, AHS-Lehrer und Initiator des österreichweiten Handyexperiments an Schulen, und Oliver Scheibenbogen, Klinischer sowie Gesundheitspsychologe.
Wie lernen junge Menschen Resilienz, also die Fähigkeit, schwierige Situationen zu bewältigen und sich davon auch wieder zu erholen?
SCHEIBENBOGEN: Der Umgang mit einer Last braucht Krisenkompetenz durch frühere Erfahrungen bei der Bewältigung von Hindernissen. Um persönliche Resilienz aufbauen zu können, muss ich mich auch als junger Mensch immer wieder Herausforderungen stellen. Doch viele Eltern halten Lasten von Kindern fern. Ein Fehler.
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Wir unterstützen Ihre psychische Gesundheit
Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie körperliche Gesundheit. Es braucht hier Angebote, die Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen. Die soziale Krankenversicherung stellt diese bei Vertrags-Psychotherapeut*innen und Vertrags-Psycholog*innen, aber auch bei Vertrags-Psychiater*innen zur Verfügung. Der Zugang zu diesen Leistungen ist einfach – es reicht die Überweisung Ihrer Hausärztin oder Ihres Hausarztes. Nutzen Sie unsere Angebote und bleiben Sie stark! Psychisch und körperlich.
Andreas Huss, MBA, ist Obmann der ÖGK.
Auch körperliche Gesundheit und Fitness sind für (junge) Menschen wichtig …
SCHECK: Ja! Im Kindergarten bewegen sich Kinder noch viel, doch dann lernen sie zu sitzen. Stehen Erstklässler auf, ist das Unterrichtsstörung. Und Klassen sehen teils noch aus wie unter Kaiserin Maria Theresia. In keinem Büro gibt es so unbequeme Holzstühle. Es braucht offenen Unterricht mit (Outdoor-)Bewegung abseits von Sport. Studien zeigen: Wenn ich von 50 Minuten fünf in Bewegung investiere, wird das durch höhere geistige Fitness aufgeholt.
SCHEIBENBOGEN: Unser Körper ist seit der Steinzeit unverändert. Damals bewegten wir uns viel. Nun zu wenig, beginnend in der Schule. Psychische Erkrankungen wie Panikattacken sind unter anderem darauf zurückzuführen. Wenn ich mich bei Problemen bewege, sind sie zwar danach noch da, aber ich gehe anders damit um. Entspannt der Körper, entspannt sich auch die Psyche.
Zurück zur psychischen Gesundheit: Was tun gegen Gruppendruck und Mobbing?
MAYR: Mobbing ist willkürlich und kann alle treffen. Wir brauchen „Zündhölzer“, die aus der Gruppe heraustreten und sagen: „Hej, das wollen wir nicht.“
SCHECK: Durch die Digitalisierung tragen Kinder Konflikte 24/7 mit sich herum. Durch Hasskommentare können viele nicht mehr schlafen. Sie benötigen Vertrauens-Coaches.
SCHEIBENBOGEN: Viele sehen im Internet Gewalt oder Pornografie. Das irritiert. Jugendliche können das mit Bezugspersonen besser verarbeiten, die bei der Einordnung helfen.
Braucht es auch Gesundheitsbildung, also Aufklärung etwa über Impfungen und Vorsorge?
SCHEIBENBOGEN: Gesundheitskompetenz ist sehr wichtig. Aber nur, weil ich weiß, dass ich Erholung benötige, lasse ich sie nicht automatisch zu. Kinder müssen lernen, in sich hineinzuhören, Signale zu deuten und auf den Körper aufzupassen.
SCHECK: Die Jugendlichen unserer Oberstufe gehen bewusst mit Gesundheit um. Auch dank Social Media wissen sie, was guttut oder schädigt. Sie kennen die Kalorien des Essens und machen als Ausgleich mehr Sport. Doch sie brauchen eine kompetente Ansprechperson, um Fake News zu enttarnen.
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Gesundheitsbewusstsein im Kindesalter fördern
Gesundheitsbewusstsein muss bereits im Kindesalter gefördert werden. Denn bereits in jungen Jahren wird der Grundbaustein für ein gesundes Leben gelegt. Daher ist es wichtig, Bewegung, Sport und Gesundheitsbildung schon früh im Kindergarten und in der Schule zu integrieren und damit die Gesundheitskompetenz der nächsten Generation zu fördern. Kinder sollen die Möglichkeit bekommen, aktiv und eigenverantwortlich gesund aufzuwachsen. So wird das Gesundheitsbewusstsein nachhaltig und langfristig gesteigert.
Mag. Peter McDonald ist Obmann der ÖGK.
Welches neue Schulfach würden Sie einführen?
MAYR: Noch mehr soziales Lernen. Ich liebe es, mit Jugendlichen über ihre Gefühlswelt zu sprechen und zu merken, was ihnen das bringt.
SCHECK: Wir haben das als unverbindliche Übung in der ersten Klasse. Doch es sollte Pflicht sein.
SCHEIBENBOGEN: Genuss. Wer das mit allen Sinnen lernt, spürt, wann er oder sie satt ist, und kann Begegnungen und Beziehungen würdigen. Genuss ist der Gegner von Angst und Sucht.
Apropos Sucht: Sind Schülerinnen und Schüler ohne Handy konzentrierter?
SCHECK: Das Team der PISA-Studie erkannte den Zusammenhang zwischen weniger Mobiltelefonkonsum und höherem Bildungsstand. Unser österreichweites Handyexperiment hat gezeigt, dass es Kindern ohne Handy besser geht und dass sie besser schlafen.
Herr Scheibenbogen, wie groß ist die Online-Gefahr für Jugendliche tatsächlich?
SCHEIBENBOGEN: Ein Drittel der Jugendlichen kann mit dem Mobiltelefon nicht vernünftig umgehen und zeigt suchtähnliches Verhalten und Kontrollverlust. Also wird immer mehr konsumiert. Die wichtigste Fähigkeit im Handyumgang ist, es nicht zu benützen.
Soll man ihren Social-Media-Konsum gesetzlich einschränken?
SCHECK: Ja, denn Social Media macht abhängig. Wenn ich Jugendliche in der Schule frage, ob das so weitergehen soll, sagen fast alle: „Nein, bitte nicht.“
SCHEIBENBOGEN: Viele nützen das Handy zwanghaft. Im Anton-Prosch-Institut frage ich immer nach den ersten positiven Effekten von Digital Detox. Alle sagen: „Ich bin viel freier.“ Das geplante Gesetz zur Social-Media-Reduktion bei Jugendlichen schränkt nicht ein, sondern schenkt die Möglichkeit zur Entfaltung.
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Mentale und physische Stärke sind wichtig
Mentale und physische Stärke sind eng verbunden. Körperliche Fitness steigert Energie, Resilienz und Schlaf, senkt Stress und schützt vor Krankheiten. Mentale Stärke fördert Fokus, Motivation und Gelassenheit, hilft, Rückschläge zu bewältigen und gesunde Routinen beizubehalten. Wer beide trainiert, bleibt widerstandsfähig und erfüllt. Mentale und physische Stärke sind wichtig, weil sie helfen, gesund, belastbar und handlungsfähig zu bleiben – im Alltag, im Beruf, im Sport und in Krisen.
Mag. Bettina Wucherer ist Vorsitzende der Hauptversammlung der ÖGK.
Kann die handyfreie Schule auch negative Folgen haben?
MAYR: Wenn ich die oder der Einzige ohne Handy bin, ja, sonst nicht. Aber Social Media hat auch Positives bewirkt: So wurde die LGBTQIA+-Bewegung erst durch Social Media breit sichtbar. Perfekt für Jugendliche auf dem Land, die sich anders fühlen und online eine Zugehörigkeit erfahren. Schwierig wird es, wenn soziale Medien selbstoptimierend verwendet werden und das Gefühl verstärken, ich bin nicht gut genug.
Junge Menschen fühlen sich oft nicht gut genug. Was tun also beispielsweise gegen falsche Schönheitsideale?
MAYR: Vergleiche sind normal, wenn dabei nicht eigene Grenzen oder die anderer verletzt werden. Sie helfen, die Welt zu strukturieren. Aber je mehr Content, der vermeintliche Schlankheitsideale propagiert, konsumiert wird, desto realer wird das. Wir müssen nicht ständig über Körper und Aussehen reden, sondern unterstützen Jugendliche beim Herausfinden, was uns sonst noch ausmacht. Eine Übung ist, einander Komplimente zu machen, ohne körperliche Merkmale zu erwähnen.
Wie hilft die Schule Kindern beim Umgang mit Unsicherheit und Leistungsdruck?
SCHEIBENBOGEN: Wie das Handyexperiment zeigt, geht es ums Spüren. Fühlen formt die Persönlichkeitsentwicklung. Doch wir drücken Kindern Handys in die Hand und bringen ihnen erst später den Umgang bei.
SCHECK: Das ist so, als würde ich meinem sechsjährigen Sohn den Autoschlüssel geben und sagen: „Fahre mal. Und wenn du dich verletzt, einfach weiter fahren.“ Auch die Digitalwelt verletzt Kinder. Wir sehen in der Schule, dass es vielen nicht gut geht. Sie sind psychisch angeknackst. Das hängt mit der Einführung digitaler Geräte zusammen. Der Ausweg ist aber nicht die Verbannung der Digitalisierung, sondern die Stärkung des Selbstvertrauens von Jugendlichen. Sie können das Gerät unter Aufsicht von Lehrenden oder Eltern nutzen. Erst wenn sie 13, 14 oder 15 sind, auch allein.
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Kinder wachsen an kleinen Herausforderungen
Als Vater eines Kindes und als Partner einer Pädagogin weiß ich: Schule ist heute Hochleistungssport – nur ohne Turnschuhe. Zwischen Hausaufgaben, Handy und Hektik braucht es vor allem Zeit zum Reden, Lachen und Bewegen. Dabei ist es wichtig, dass nicht jede Hürde zum Elternstress wird. Denn an kleinen Herausforderungen wachsen Kinder. Gute Noten in der Schule sind schön – wesentlich wichtiger ist jedoch, dass junge Menschen selbstbewusst, neugierig und mit einem Lächeln durchs Leben gehen.
KommR. Matthias Krenn ist Vorsitzender der Hauptversammlung der ÖGK.
Vielfältige Herkunft in Klassen gilt als Herausforderung …
SCHECK: Ich unterrichte an einem Multikulti-Gymnasium. Vielfalt ist normal. Bei uns las ein islamisches Kind die Weihnachtsgeschichte vor, weil es das Fest toll findet. Kulturunterschiede und vielfältige Essensgewohnheiten bereichern. Aber wenn Lehrende nicht in Deutsch unterrichten können, wird es schwierig.
MAYR: Wie sollen wir Spaß am Lernen vermitteln, wenn Schülerinnen und Schüler wenig verstehen oder mit Kriegs- und Fluchterfahrungen kämpfen? Wir müssen Pädagoginnen und Pädagogen stärken. Je gesünder und resilienter sie sind, desto mehr Erfolg in den Klassen.
TEXT Karin Lehner
Fotos: Stefan Diesner, Martin Biller / ÖGK, GPA