Stark von Kopf bis Fuß

Körperliche und psychische Stärke sind untrennbar verbunden. In MEINE GESUNDHEIT erklären Psychologin Christa Seiwald und Sportwissenschafter Andreas Lustik, warum.

 

UNSERE EXPERTIN UND UNSER EXPERTE

 

Mag. Christa Seiwald,
Klinische und Gesundheitspsychologin
GIZ – Gesundheits-Informations-Zentrum, Salzburg

Mag. Andreas Lustik, MPH,
Sportwissenschafter, ÖGK, St. Pölten

 
 

Was bedeutet Stärke eigentlich? Die meisten denken dabei zuerst an Muskeln, Ausdauer oder körperliche Fitness. Andere verbinden Stärke damit, auch schwierige Zeiten zu meistern und Belastungen standzuhalten. Tatsächlich ist Stärke mehr als körperliche Leistungsfähigkeit. Körper und Psyche sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Wer beides gleichermaßen fördert, schafft die besten Voraussetzungen, gesund, belastbar und widerstandsfähig durchs Leben zu gehen. „Mentale Stärke ist weit mehr als die Abwesenheit psychischer Erkrankungen“, sagt Christa Seiwald, Klinische- und Gesundheitspsychologin am Gesundheits-Informations-Zentrum (GIZ) Salzburg.  „Mental stark zu sein bedeutet, Herausforderungen des Alltags zu bewältigen, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen und am sozialen Leben teilhaben zu können.“ Dazu gehören emotionale Stabilität ebenso wie die Fähigkeit, mit Stress, Veränderungen und Krisen umzugehen. Körperliche und seelische Gesundheit lassen sich deshalb nicht getrennt betrachten. Das zeigt sich besonders in belastenden Phasen. Wer über längere Zeit unter Druck steht, schläft oft schlechter, fühlt sich erschöpft oder kämpft mit Kopf-, Rücken- oder Magenbeschwerden. Umgekehrt wirken sich auch körperliche Erkrankungen oder anhaltende Schmerzen auf die Stimmung aus. „Körper und Psyche hängen zusammen“, betont Seiwald. Deshalb lohnt es sich, auf die Signale des Körpers zu hören – bevor aus vorübergehender Belastung ein Dauerzustand wird.


Mehr als Muskelkraft

Auch aus sportwissenschaftlicher Sicht greift ein enger Blick auf körperliche Stärke zu kurz. „Das ist nicht nur Muskelkraft“, betont Sportwissenschafter Andreas Lustik von der ÖGK. „Erst das Zusammenspiel von Muskulatur, Herz-Kreislauf-System, Beweglichkeit, Knochen und einem gut funktionierenden Immunsystem macht den Körper langfristig belastbar.“ Muskeln sind mehr als reine Motoren für Bewegung. Sie stabilisieren den Körper, unterstützen den Stoffwechsel und setzen bei körperlicher Aktivität Botenstoffe frei. Diese regulieren unter anderem Entzündungsprozesse und beeinflussen das Immunsystem positiv.


In Bewegung kommen

Bewegung zählt deshalb zu den wirksamsten Bausteinen für ein gesundes Leben. Regelmäßige Aktivität stärkt Herz und Kreislauf, erhält Muskeln und Knochen und verbessert den Stoffwechsel. Gleichzeitig profitieren auch Gehirn und Psyche. Stresshormone werden abgebaut, stimmungsaufhellende Botenstoffe ausgeschüttet, und viele Menschen erleben nach einem Spaziergang oder einer Trainingseinheit, dass der Kopf wieder frei wird. „Viele fühlen sich nach dem Training auch mental stärker“, bestätigt Lustik. Das liege nicht nur an den körperlichen Veränderungen, sondern auch daran, dass Bewegung das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten stärkt. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit gilt wiederum als wichtiger Baustein psychischer Gesundheit.

 
Krafttraining wird oft unterschätzt. Dabei hilft eine kräftige Muskulatur in jedem Lebensalter.
— Andreas Lustik, Sportwissenschafter
 

Dabei muss Bewegung weder schweißtreibend noch zeitaufwendig sein. Viel wichtiger als Höchstleistungen ist die Regelmäßigkeit. Ein Spaziergang in der Mittagspause, eine Radtour am Wochenende oder zwei Einheiten Krafttraining pro Woche können bereits viel bewirken. „Gerade Krafttraining wird oft unterschätzt oder ausschließlich mit Fitnessstudios und schweren Gewichten in Verbindung gebracht“, so Lustik. „Dabei hilft eine kräftige Muskulatur in jedem Lebensalter: Bei jungen Menschen fördert Krafttraining Muskelaufbau, Knochenstärke und Koordination. Im Alter hilft es, Muskelabbau zu bremsen, Gleichgewicht und Selbstständigkeit zu erhalten und das Sturzrisiko zu senken.“ Regelmäßiges Krafttraining gelte daher zu den wichtigsten Maßnahmen für gesundes Altern.

Kraft-Tipp 1

Bewegung

Viele Studien – wie zuletzt die Metastudie des „British Journal of Sports Medicine“ von 2026 – belegen: Regelmäßige Bewegung stärkt sowohl Körper als auch Psyche. Sie baut Stresshormone ab, schüttet Glückshormone aus und fördert das Wachstum neuer Nervenzellen im Gehirn.

 

Falls Sie gleich damit beginnen möchten, finden Sie hier zahlreiche Übungen!

In der Ruhe liegt die Kraft

Damit Bewegung ihre positive Wirkung entfalten kann, braucht der Körper auch Zeit zur Erholung. „Wir werden nicht während des Trainings stärker, sondern in der Regeneration danach“, betont Lustik. Ausreichend Schlaf spielt dabei eine Schlüsselrolle. In der Nacht laufen zahlreiche Reparatur- und Aufbauprozesse ab, Erinnerungen werden verarbeitet und das Immunsystem gestärkt. Wer dauerhaft zu wenig schläft, fühlt sich nicht nur weniger leistungsfähig, sondern ist häufig auch anfälliger für Infekte und Stress.

 
Wenn ich nicht mehr gut schlafen oder abschalten kann, sind das ernstzunehmende Warnsignale.
— Christa Seiwald, Klinische und Gesundheitspsychologin
 

Auch Christa Seiwald beobachtet in ihrer Arbeit, wie eng Schlaf und psychische Gesundheit zusammenhängen. „Wenn ich nicht mehr gut schlafen kann, ständig grüble oder nicht mehr abschalten kann, sind das erste ernstzunehmende Warnsignale“, sagt sie. Häufig komme es auch zu körperlichen Beschwerden wie Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen, obwohl medizinisch keine eindeutige Ursache gefunden werde. Solche Signale sollten ernst genommen werden. Nicht jede anstrengende Phase lässt sich vermeiden – doch der Körper macht meist früh darauf aufmerksam, wenn die Belastung zu groß wird.


Kraft-Tipp 2

Gemeinschaft


Soziale Kontakte gelten als ein wichtiger Faktor für gesundes Älterwerden: Der Kontakt mit anderen fördert die Ausschüttung von Bindungs- und Glückhormonen und  reduziert Stress. Zudem lassen sich Belastungen und Krisen gemeinsam leichter bewältigen.

 

Mehr über die positive Wirkung von Schlaf lesen Sie übrigens in der nächsten Ausgabe von MEINE GESUNDHEIT!

Sich stark essen

Mindestens ebenso wichtig wie Bewegung und Schlaf ist eine ausgewogene Ernährung. Sie versorgt den Körper mit Energie und liefert jene Bausteine, die Muskeln, Knochen und das Immunsystem brauchen. Viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, hochwertige Eiweißquellen und gesunde Fette bilden die Grundlage. „Eiweiß sorgt für den Erhalt und die Reparatur unserer Muskulatur, Kalzium und Vitamin D für stabile Knochen und Vitamine und Mineralstoffe für ein starkes Immunsystem“, ergänzt Lustik. Der Darm spielt dabei eine wichtige Rolle. Er ist nicht nur für die Verdauung zuständig, sondern beherbergt einen großen Teil unseres Immunsystems und steht in engem Austausch mit dem Gehirn. Eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Ernährung unterstützt deshalb nicht nur die Darmgesundheit, sondern wirkt sich auch positiv auf das Immunsystem und das allgemeine Wohlbefinden aus.

 
Problematisch wird Stress dann, wenn auf Anspannung keine ausreichende Erholung mehr folgt.
— Christa Seiwald, Klinische und Gesundheitspsychologin
 

Gerade in der kalten Jahreszeit zeigt sich, wie eng all diese Bausteine zusammenhängen. Wir verbringen mehr Zeit in Innenräumen, bewegen uns oft weniger, und Erkältungs-viren haben leichteres Spiel. Umso wichtiger sind Routinen, die Körper und Psyche stabilisieren: regelmäßige Bewegung – wenn möglich an der frischen Luft –, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und kleine Erholungspausen im Alltag. Gemeinsam tragen sie dazu bei, das Immunsystem zu stärken und Belastungen besser zu bewältigen.


Kraft-Tipp 3

Stressreduktion

Bewusste Stresspausen sind wichtig für die Gesundheit. Sie entlasten Körper und Geist, reduzieren den Spiegel des Stresshormons Cortisol, fördern die Erholung und helfen, Herausforderungen gelassener und resilienter zu meistern.
Sind die eigenen Grenzen erreicht: Hilfe annehmen!

 

Wenn Stress zur Belastung wird

Selbst der gesündeste Lebensstil schützt nicht davor, dass das Leben manchmal aus dem Gleichgewicht gerät. Beruflicher Druck, familiäre Herausforderungen oder gesundheitliche Probleme gehören für viele Menschen zum Alltag. Problematisch wird Stress jedoch erst dann, wenn auf Anspannung keine ausreichende Erholung mehr folgt. Gerade Menschen zwischen 40 und 60 Jahren erleben häufig Lebensphasen, in denen Beruf, Familie und vielleicht auch die Pflege von Angehörigen gleichzeitig viel Kraft verlangen. Oft funktioniert der Alltag irgendwie – bis Körper oder Psyche deutlich machen, dass die Belastungsgrenze erreicht ist. „Viele Menschen merken gar nicht, dass sie ihre Grenze längst überschritten haben“, sagt Christa Seiwald. Häufig seien es Angehörige, Freundinnen oder Freunde, die Veränderungen zuerst wahrnehmen. Anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen oder ständiges Grübeln seien Warnsignale, die man nicht einfach als Begleiterscheinung eines stressigen Lebens akzeptieren sollte.


Niemand muss jede Herausforderung allein bewältigen. Im Gegenteil: Soziale Beziehungen zählen zu den wichtigsten Schutzfaktoren für unsere Gesundheit. Familie, Freundinnen und Freunde oder Kolleginnen und Kollegen können Halt geben, entlasten oder einfach zuhören. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Kontakte, sondern ihre Qualität. Menschen, mit denen wir offen sprechen können und bei denen wir uns angenommen fühlen, helfen uns, Belastungen besser zu bewältigen.


Kraft-Tipp 4

Immunsystem

Ist unser Immunsystem gestärkt, profitieren wir körperlich und psychisch. Neben regelmäßiger Bewegung, ausreichendem Schlaf und Stressreduktion ist dafür eine ausgewogene Ernährung wichtig, denn: Der größte Teil unseres Immunsystems befindet sich im Darm

 

Hilfe Annehmen, Resilienz aufbauen

Ebenso wichtig ist es, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Wer immer für andere da ist oder hohe Ansprüche an sich selbst stellt, übersieht oft die eigenen Bedürfnisse. „Mentale Stärke bedeutet nicht, alles allein schaffen zu müssen“, sagt Seiwald. Unterstützung anzunehmen oder Gewohnheiten zu verändern sei kein Zeichen von Schwäche, sondern häufig der erste Schritt, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Psychologinnen und Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Resilienz – der Fähigkeit, nach schwierigen Zeiten wieder Stabilität zu finden. Resilienz ist keine feste Eigenschaft, die manche Menschen besitzen und andere nicht. Vielmehr entwickelt sie sich im Laufe des Lebens. „Jede bewältigte Krise trägt dazu bei, dass unsere Resilienz wächst“, sagt Seiwald. Auch wenn belastende Lebensphasen oft viel Kraft kosten, können sie langfristig helfen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und gestärkt aus schwierigen Situationen hervorzugehen.

Unter Dauerstress suchen viele Menschen nach schnellen Lösungen. Das Glas Wein am Abend, Süßigkeiten oder andere Gewohnheiten können kurzfristig entlasten, lösen die eigentliche Ursache jedoch nicht. „Eine stabile psychische Gesundheit kann das Risiko für Suchtverhalten verringern, auch wenn sie nie der einzige Einflussfaktor ist“, sagt Seiwald. Umso wichtiger sei es, Belastungen früh wahrzunehmen und gesunde Wege zu finden, mit ihnen umzugehen.


Stärke wächst im Alltag

Körperliche und psychische Stärke entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen aus vielen Entscheidungen, die sich im Alltag immer wieder summieren. Bewegung, ausgewogene Ernährung, guter Schlaf, Zeit für Erholung und gute Beziehungen: Vieles davon liegt in unserer eigenen Hand. Gleichzeitig braucht Gesundheit aber auch Rahmenbedingungen, die ein gesundes Leben ermöglichen: ein unterstützendes Umfeld, leicht erreichbare Präventionsangebote und die Möglichkeit, sich früh Hilfe zu holen. Auch Institutionen und das Gesundheitssystem tragen dazu bei. Die Österreichische Gesundheitskasse begleitet Menschen dabei mit zahlreichen Angeboten rund um Bewegung, mentale Gesundheit und Prävention. (Mehr Informationen dazu hier)


Kraft-Tipp 5

Schlaf

Eine Studie des renommierten britischen Fachmagazins „Nature“ mit Schlafdaten von rund 500.000 Menschen belegt: Ausreichend Schlaf (sechs bis acht Stunden) beeinflusst viele Organe und Körperfunktionen – wie Herz-Kreislauf, Gehirn, Stoffwechsel oder Immunsystem –
positiv.

 

Das MEINE GESUNDHEIT-Fazit: Stärke zeigt sich nicht darin, nie zu straucheln. Sondern darin, gut für sich selbst zu sorgen – von Kopf bis Fuß!

Alle weiteren Infos: oegk.at/gesundleben


Die Mentalen Gesundheitswochen

Die Initiative von ÖGK und Kooperationspartnern lädt vom 10.9. bis 23.10. dazu ein, mentale Kraft zu tanken.

  • Kostenlose Angebote: Stress abbauen, die eigene Widerstandskraft stärken, das seelische Wohlbefinden nachhaltig stärken: Dazu bieten die „Mentalen Gesundheitswochen“ – eine Initiative der Österreichischen Gesundheitskasse und Kooperationspartner – vom 10. September bis 23. Oktober Gelegenheit. Kostenlose Webinare, Infotage, Workshops und weitere Angebote vermitteln dabei alltagstaugliche Strategien für mehr Gelassenheit, Selbstfürsorge und einen guten Umgang mit Belastungen.

  • Aktionsmonat „Yellow September“: Die „Mentalen Gesundheitswochen“ starten mit dem „Yellow September“. In diesem Monat rücken psychische Gesundheit und Suizidprävention stärker ins öffentliche Bewusstsein. Die ÖGK unterstützt diese Aktion mit Infotagen, Webinaren und weiteren Angeboten.

Für Informationen, Termine und Anmeldung einfach online oegk.at/mentale-gesundheitswochen eingeben.


Text Claudia Drees

Fotos: Unsplash by GettyImages, privat 
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Körper und Geist in Balance